Sie sind unternehmungslustig?
Sie sind umweltbewußt?
Sie sind kontaktfreudig?
Fahren Sie mit der Bahn und ihre Wünsche werden in Erfüllung gehen…
Voller Vorfreude auf stinkende und klapprige S- und Regionalbahnen, Baujahr 1979, stehen Sie am Bahnhof. Der Fahrkartenautomat weigert sich, ihre Geldscheine zu schlucken, und auch die EC-Karte scheint ihm nicht zu schmecken. Sie geraten in Panik – noch zwei Minuten bis Ihr Zug kommt. Endlich haben Sie es geschafft, sich eine Fahrkarte zu kaufen; über den Preis wollen wir erst gar nicht sprechen. Doch von ihrem Zug ist nichts zu sehen. Prima. Ihr Tag fängt ja schon gut an. Und warum? Weil sie auf das deutsche Dienstleistungsunternehmen mit dem schlechtesten Ruf angewiesen sind.
Sie warten auf dem kalten Bahnsteig und erfahren nichts über den Verbleib ihres Zuges, die Bundesbahn gibt schließlich keine Informationen an so unwichtige und minderwertige Kreaturen wie Kunden weiter. Nachdem Sie genau sieben Minuten und sechsunddreißig Sekunden gewartet haben, sehen Sie ihre Regionalbahn in der Ferne auftauchen. Sofort dürfen Sie feststellen, das die Deutsche Bahn doch viel liebenswürdiger ist, als Sie bisher angenommen haben und sich auch noch rührend um ihre Gesundheit sorgt: Diesmal müssen sie zwar ausnahmsweise nicht den Bahnsteig wechseln, nicht treppauf, treppab rennen, es kommt viel besser: Ihr Zug rast durch den Bahnhof, ihre mitleidenden Mitreisenden bleiben starr vor Schreck stehen und blicken entsetzt dem sehnsüchtig erwarteten Zug hinterher. Doch zum Glück überlegt es sich der Lokführer nun doch noch anders und bremst: Die letzte Tür des hintersten Wagens bleibt gerade noch am Bahnsteig stehen. Begeistert dürfen Sie los sprinten – den ganzen langen Bahnsteig entlang – um dann im Ziel zu hören: „ Ja wird’s mal? Wir haben sowieso schon Verspätung!”. Als ob das nicht allgemein bekannt wäre. Sie können schließlich nichts dafür, dass der Lokführer heute arbeiten muss und nicht weiter streiken darf. Aber: Gemeinsames Fluchen fördert die Solidarität der Bahnfahrer, die sich mittlerweile pudelwohl fühlen: Die Zugtüren lassen sich nur unter immensen Kraftaufwand öffnen und die Abteiltüren gehen wenn es ihnen beliebt selbstständig auf und zu. In der Nähe der Toilette ist ein enorm hoher Anteil übelriechender Geruchspartikel vorhanden und der Boden geflutet. Auf gut Deutsch: Sie sitzen in einer fahrenden Kloschüssel. Da kommen doch Glücksgefühle auf!
Ein junger Ausländer brüllt in sein Handy, ein Hopper übt sich in Lärmverschmutzung mit Gestottere aus minderqualitativen Lautsprechern, kurz gesagt, die Atmosphäre ist perfekt.
Andererseits: Sie wollten schon immer seltsame Menschen kennen lernen und interessante Gespräche führen? Nein, nicht etwa im Theater oder einem anderen kulturell wertvollem Ort ist ihnen dies möglich, sondern in der Bundesbahn. Wo sonst können sie einen geschniegelten Anzugtypen, der mit seinem I-Pod der neusten Generation Tokio Hotel hört, treffen? Oder die Konfrontation der beiden wenig intellektuell begabten Tussen, deren Wortschatz auf „chillen” und „ey Alter” begrenzt ist, mit einem konservativen, älteren Herren, live mitbekommen?
Beim nächsten Umsteigen erleben Sie eine Überraschung – nicht das ihr Zug auf einmal pünktlich wäre, aber sie werden informiert: Aus alten knarzenden Lautsprechern kommen Durchsagen, die sie einem Herzinfarkt nahe bringen. Die Spannung steigt, während Sie in absoluten unnötigen Informationsbergen zu ertrinken drohen:
Aufgrund einer Signalstörung…
Bitte was ist eine Signalstörung? Und warum ist die Deutsche Bahn nicht in der Lage ihre Signale vernünftig zu warten? Oder handelt es sich hierbei etwa um eine billige Standardausrede? Hat der Schrankenwärter in der Eifel zu langsam gekurbelt, kommt der Zug wegen einer Signalstörung zu spät….
…wird der ICE 527 von Dortmund, Abfahrt 6:23 Uhr nach Garmisch
Partenkirchen, Ankunft 13:32 über Köln, Frankfurt, München planmäßige Abfahrtszeit 8:48 an Gleis 7…
Im Ernst?! Eigentlich Sind sie ja schon in der Lage einen Fahrplan zu lesen; oder?
…wenige Minuten später eintreffen…
Herrlich, endlich einmal eine konkrete Angabe. Sie sind gerettet.
…Wir bitten um ihr Verständnis…
Verständnis? Also, bei aller Liebe, wenn es eines gibt, was ein Bahnfahrer in diesem Moment nicht hat, dann Verständnis.
So sehen sie erst nach einem ereignisreichen Tag ein, dass die Bahn mobil macht – und zwar ausschließlich die Kunden, die auf geeignetere Fortbewegungsmittel wie Autos, Fahrräder und Bobbycars ausweichen müssen.
Edit: Literaturkursaufführung überstanden